8. November 2021

"Wirtschaft war lange Zeit zu erfolgreich"

Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 08.11.2021, Interview mit Gerhard Cromme und Dr. Carls

Gerhard Cromme (78), Ex-Chefaufseher bei Thyssenkrupp und Siemens, begrüßt die Öffnung der Konzerne für innovative Ideen von Start-ups. Banker Andre Carls unterstützt Crommes Forderung nach europäischem Fonds.

Innovative Ideen von Start-ups spielen für Konzerne und Banken eine immer größere Rolle. Nach seinem Ausscheiden bei Thyssenkrupp und Siemens kennt Gerhard Cromme inzwischen auch die Gründerszene. Im Frühjahr hat er erfolgreich die Gebrauchtwagen-Plattform Auto 1 an die Börse gebracht. Ein Gespräch mit Gerhard Cromme und Andre Carls, dem Vorsitzenden des NRW-Bankenverbands, über Chancen und Risiken für Start-ups und warum das Gründerfieber im Ruhrgebiet so spät entfacht wurde.

Herr Cromme, Sie hatten über Jahrzehnte Top-Positionen bei Konzernen wie Krupp, Thyssenkrupp und Siemens inne. Was hat Sie in die Welt der Start-ups gebracht?

Gerhard Cromme: Ich bin 2018 als Aufsichtsratsvorsitzender bei Siemens ausgeschieden. Ich hatte mich schon zuvor seit über 20 Jahren mit dem Thema Start-ups beschäftigt. Siemens hatte da sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Bis Anfang der 1990er Jahre war Siemens zum Beispiel einer der größten Telekommunikationsausrüster weltweit. 15 Jahre später war davon nichts mehr übrig, weil man nicht erkannt hatte, dass das Handy das gute alte Telefon ablösen würde. So etwas wollte ich nicht noch einmal erleben.

Kommt die Industrie also ohne innovative Ideen von Start-ups nicht aus?

Cromme: Start-ups können etablierte Unternehmen verdrängen, sie können ihnen aber auch helfen zu überleben. Heute gibt es aus meiner Sicht keinen Konzern mehr, der sich nicht mit den Chancen und Risiken von Start-ups beschäftigen sollte.

Andre Carls: In der Bankenbranche sind Fintechs zu Katalysatoren vor allem von digitalem Fortschritt geworden. Deshalb beteiligen sich Kreditinstitute an Start-ups. Es ist eine Win-win-Situation. Die Commerzbank zum Beispiel kooperiert mit Start-ups über den Main Incubator und investiert selbst über Commerz Ventures.

Herr Cromme, haben Sie selbst schon einmal ein Start-up gegründet?

Cromme: Dafür war immer zu wenig Zeit. Ich freue mich aber, dass ich helfen kann. Es ist immer wieder faszinierend, mit jungen Gründern zu reden, die mit leuchtenden Augen zwei, drei und auch vier Jahre ihres Lebens opfern, ohne zu wissen, ob sie am Ende erfolgreich sein werden.

Sind Sie als Berater tätig oder investieren Sie auch eigenes Geld?

Cromme: Beides. An der Gebrauchtwagenplattform Auto1 bin ich seit 2016 beteiligt. In diesem Frühjahr haben wir das Start-up sehr erfolgreich an die Börse gebracht. Für die neuen Finanzierungsrunden, die wir für unseren Wachstumskurs brauchten, hatten sich kaum europäische Investoren gefunden.

Scheuen europäische Wagniskapital-Geber das Risiko?

Cromme: Heute stehen wir erheblich besser da als noch vor einigen Jahren. In der EU gibt es sehr gute Start-ups mit phantastischen Ideen. Bis zu 100 Millionen Euro sind in der Regel leichter aufzutreiben. Geht der Finanzbedarf darüber hinaus, kommen Chinesen oder Amerikaner und kaufen das Start-up auf. Ein Börsengang ist oft der einzige Ausweg, wenn man schnell expandieren oder einen Verkauf verhindern will. So war es auch bei Auto1.

Gibt es einen Ausweg?

Cromme: Wir brauchen einen europäischen Förderkontrakt. Die künftige Bundesregierung sollte einen Schritt nach vorn wagen und sich neben Frankreich als Initiator und Ankerinvestor an einem europäischen Gründerfonds beteiligen. Er könnte die Anschubfinanzierung für Start-ups liefern, der Rest muss von privater Seite kommen.

Carls: Als Bankenverband NRW sehen wir eine Riesenchance in einem europäischen Fonds. Dadurch können wir uns in der EU gemeinsam nach vorn bewegen und dem großen Nachholbedarf etwa bei der Digitalisierung mit neuen Lösungen begegnen. Einen funktionierenden Kapitalmarkt aufzubauen, ist eine wesentliche Komponente für ein starkes Europa.

Die Landesregierung hat das Ziel formuliert, NRW unter die Top 10 der europäischen Start-up-Regionen zu bringen. Ist das realistisch?

Cromme: Die erste Schlacht um die Digitalisierung haben wir gegen US-Konzerne wie Facebook, Google, Apple und Amazon verloren. Jetzt geht es um die zweite Welle – die Auswertung und Aufbereitung der Fülle von Daten aus der Industrie, Gesundheit usw. . Hier hat vor allem NRW eine Riesenchance, weil hier die großen produzierenden Konzerne, große Krankenhäuser und tolle Hochschulen sitzen. Besonders eröffnen sich bei Produkten für die Nachhaltigkeit große Chancen. Umweltthemen galten in der Industrie lange als verlorenes Kapital. Heute weiß man, dass man damit Geld verdienen kann.

Carls: Umweltthemen erhöhen die Renditechancen der Unternehmen. Über die Daten einer produzierenden Maschine können wir ganz neue Finanzierungssysteme wie „Pay per use“ anbieten. Raten für einen Kredit werden nur dann abgebucht, wenn die Maschine wirklich läuft. Zusammen mit der Digitalisierung entsteht eine attraktive Willkommenskultur für Gründer.

Im Ruhrgebiet ging man traditionell nach der Schule oder Uni lieber zu einem der vielen Konzerne, anstatt sich selbstständig zu machen. Hat sich das aus Ihrer Wahrnehmung geändert?

Cromme: Eindeutig. Junge Leute zeigen viel mehr Mut, selbst eine Firma zu gründen. Aber auch in den Unternehmen hat sich gewaltig etwas verändert. Dort stoßen innovative Ideen und Unternehmertum sehr viel seltener auf eine Lehmschicht im Management.

Carls: Junge Leute wollen sich ausprobieren. Wenn das Start-up nicht funktioniert, machen sie eben ihre Karriere im Konzern. Die neue Arbeitswelt ist flexibler geworden. Dazu tragen auch mehr Ausgründungen aus Universitäten bei.

Die Start-up-Szene im Ruhrgebiet holt auf, der Abstand zu Berlin oder München ist aber noch groß. Woran liegt das?

Cromme: Hiesige Konzerne sind mit der Erwartung groß geworden, dass sie auf ewig Weltmarktführer bleiben. Für sie war unvorstellbar, dass neue Ideen von außen ihre Produkte und Märkte aushebeln könnten. Disruption war per se kein Thema. Es gab keine lebende Start-up-Szene, weil die Wirtschaft über lange Zeit zu erfolgreich war. Das ist jetzt anders – im Guten wie im Schlechten.
 

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