„Nachhaltigkeit ist für Banken ein Riesenthema“
Interview mit Thomas Buschmann in der Rheinischen Post, 2. Februar 2022

Herr Buschmann, alle Welt redet von Energiewende, von der Transformation der Wirtschaft hin auf Klimaneutralität, von grüner Geldanlage und so weiter. Ein gewaltiger Berg, den unter anderem die Banken finanzieren werden müssen. Wie kann das gelingen?
Das ist seit Jahren eines der bewegendsten Themen, die Banken und Sparkassen als Teil der Lösung bewältigen müssen, und das geht nur im Schulterschluss mit den Regierungen, den Investoren und den Kapitalmärkten. Man muss sich das mal vorstellen: Allein in NRW sind jährlich für Nachhaltigkeit und Digitalisierung pro Jahr 70 Milliarden Euro Investitionen notwendig, wie das Institut der
deutschen Wirtschaft errechnet hat. Das sind zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in NRW. Das zeigt, wie groß die Dimensionen sind.
Wer muss da als Geldgeber neben den Banken ins Boot?
Noch liegen 70 Prozent der Kredite auf den Büchern der Banken und Sparkassen. Über Bankkredite allein ist das nicht zu stemmen. Wir müssen zusätzlich die Kapitalmärkte nutzen. Also attraktive Produkte für deutsche und auch europäische Investoren anbieten, zum Beispiel dadurch, dass wir Kredite verbriefen und daraus Anlageprodukte für Investoren machen. Oder über grüne Anleihen von Staaten und Unternehmen.
Was muss die öffentliche Hand tun?
Man könnte über Staatsfonds nachdenken, über verstärkte Venture-Capital-Finanzierungen, EU-Förderprogramme oder eine Haftungsfreistellung. Der Staat könnte Kredite mit Nachhaltigkeitsfokus zielgerichtet über Garantien voll oder teilweise absichern und damit das Ausfallrisiko verkleinern. So ein Kredit müsste dann mit weniger Kapital unterlegt werden.
Aber einer muss ja am Ende haften.
Die Frage ist doch: Wer kann dabei helfen, dass das Risiko verteilt wird? Das können die Banken nicht alles auf die eigene Kappe nehmen, da muss jede Finanzierung ja auch auf ihr Risiko geprüft werden. Damit könnten auch Anreize für Finanzierer und Unternehmen geschaffen werden, die Investitionen in den Klimaschutz zu beschleunigen. Der Staat könnte sogar im Einzelfall als Stakeholder auftreten. Es geht um einen guten Mix, mit dem sich die gewaltigen Volumina stemmen lassen.
Ist bei den Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit schon nachhaltig verankert?
Auf jeden Fall. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht über das Thema Nachhaltigkeit reden. Sowohl in der Unternehmensfinanzierung als auch in der Anlageberatung. Wir können ESG (aus dem Englischen für Umwelt, Gesellschaft und gute Unternehmensführung, Leitlinien für nachhaltige Investmentstrategien, Anm. d. Red.) in den Firmen nicht managen, sondern nur beraten. Aber wir sind da auf gutem Weg. Es gibt einen Run in Sachen Umwelt- und Klimaschutz, die Unternehmen haben die Bedeutung des Themas erkannt. Unsere Aufgabe ist es, unsere Kunden mitzunehmen, zu informieren und zu schulen und nachhaltige Produkte anzubieten.
Sind die Bankenprodukte denn ausreichend nachhaltig? Kritiker werfen Ihnen gern auch mal Greenwashing vor, also dass die Banken ihre Produkte als umweltfreundlicher verkaufen, als die in Wirklichkeit sind.
Wir haben auf der Finanzierungsseite die richtigen Schritte unternommen und Produkte im Angebot, die für die Firmen infrage kommen. Da ist aber auch die Politik gefordert, die muss die ökologische Nachhaltigkeit definieren. Die Taxonomie (europäische Standardsetzung) muss eine eindeutige Klassifizierung vornehmen. Daran hängt die Glaubwürdigkeit aller Akteure.
Ist die jüngste Definition von Atomkraft als nachhaltige Energieerzeugung durch die EU-Kommission nicht kontraproduktiv?
Das müssten Sie die Experten der EU fragen, da war die Finanzwirtschaft nicht involviert. Aber Sie haben recht: Zumindest bei der Produktgestaltung und den Auswahlkriterien der Anleger ist das ein großes Thema. Auch die Ratingagenturen bewerten die Produkte bisher nicht einheitlich. Am Ende muss aber der Investor selbst ein Gefühl dafür entwickeln, was er selbst als nachhaltig empfindet. Ich muss davon überzeugt sein und kann nicht alles von politischen Vorgaben und Empfehlungen abhängig machen.
Ist für Anleger und Unternehmen am Ende nicht Rendite wichtiger als Nachhaltigkeit?
Es geht heute nicht mehr um die Frage, entweder Nachhaltigkeit oder Rendite. Es lässt sich inzwischen nachweisen, dass Unternehmen, die in einem Nachhaltigkeitsindex ganz oben stehen, mehr Investorenvertrauen gewinnen und über einen längeren Zeitraum eine höhere Verzinsung erzielen können.
Apropos Verzinsung: Herr Buschmann, wir können Ihnen das Thema Negativzinsen nicht ersparen.
Natürlich bewegt uns das Thema Negativzinsen genauso wie unsere Kunden – zumal wir selbst bereits seit acht Jahren für unsere kurzfristigen Einlagen bei der Zentralbank zahlen müssen. Aber die Kosten werden für die Banken nicht geringer, die Banken im Euroraum zahlen pro Jahr 17,7 Milliarden Euro an die EZB.
Glauben Sie, dass die das noch nachvollziehen können, erst recht, wenn sie auch noch fürs Girokonto Verwahrentgelte bezahlen sollen?
Nach all den Erfahrungen, die ich mache, haben die meisten Kunden schon Verständnis dafür. Wir zeigen unseren Kunden ja Wege, wie sie die Verwahrentgelte vermeiden und ihr Geld rentierlich anlegen können.
Wann gibt es wieder höhere Zinsen und damit Hoffnung für die Sparer? Vor allem auch, wenn man auf die Inflation schaut.
Das stimmt, da herrscht derzeit ein deutliches Missverhältnis. Die Europäische Zentralbank hat ja angedeutet, dass wir in diesem Jahr auf eine Inflationsrate von drei bis 3,5 Prozent runterkommen werden. Das wäre ja ein erster Schritt. Dass wir uns da wieder in Richtung zwei Prozent bewegen, was ja das Ziel der EZB ist, sehe ich in diesem Jahr noch nicht.
Persönlich Buschmann arbeitet für die Deutsche Bank Persönlich Thomas Buschmann ist Sprecher der regionalen Geschäftsleitung Nordwest bei der Deutschen Bank in Düsseldorf. Im November 2021 wurde er zum Vorsitzenden des Bankenverbandes NRW gewählt.
Verband Der Bankenverband NRW hat 54 Mitglieder mit etwa 26.000 Beschäftigten.