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Start-Up und Existenzgründungsfinanzierung in Wissenschaft und Praxis

Gastbeitrag der Hochschule Niederrhein und des Bankenverbandes Nordrhein - Westfalen

Bernd R. Müller/Andre Carls/Steffen Pörner

Einführung

Im Jahr 2025 ist der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften – seit 1960 gestiftet durch die schwedische Zentralbank – an die Wissenschaftler Joel Mokyr, Philippe Aghion und Peter Howitt verliehen worden, die sich im Wesentlichen mit der Frage beschäftigten, wie technische Innovation das Wirtschaftswachstum beeinflusst. Während Mokyr einen historisch basierten Ansatz verfolgt, um die Bedingungen für technologischen Fortschritt zu analysieren, knüpfen Aghion und Howitt an die Theorie Joseph Schumpeters der kreativen Zerstörung an. In Ihrer Untersuchung aus dem Jahr 1992 (A Model of Growth Through Creative Destruction) zeigen Aghion und Howitt, dass als Ergebnis von Transformationsprozessen tradierte Geschäftsmodelle, Techniken und auch Fähigkeiten zugunsten neuer Technologien entfallen. Es handle sich dabei um einen Vorgang „kreativer Zerstörung“, der zwar zunächst zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüchen führe, jedoch langfristig Voraussetzung für Wirtschaftswachstum sei. Die Wissenschaft unterscheidet Unternehmensneugründungen in Start-ups und Existenzgründungen. Bei Letzteren handelt es sich um Gründungen in bewährten Handwerks- und Dienstleistungsbereichen. Im Jahr 2025 lag die Zahl der Existenzgründungen bei etwa 690.000 nach 585.000 im Vorjahr. 1 Die Zahl der Vollerwerbsgründungen ist 2025 nur leicht auf 206.000 (2024: 203.000) gestiegen. Unter Start-ups werden allgemein innovative technologieorientierte Unternehmen verstanden, von denen Disruptionspotenzial ausgehen kann. Merkmale von Start-ups sind u.a.

  • Mehrpersonengründungen
  • (technisches) Innovationspotenzial
  • hoher Finanzbedarf bzw. hohe Anlaufkosten
  • Asynchrone Zahlungsstrukturen2
Existenzgruendungsfinanzierung Wissenschaftpraxis

Nach dem Gründungsboom im Jahr 2021 war die Zahl der Startup- Gründungen in den beiden Folgejahren in Deutschland deutlich rückläufig. 2.766 neue Start-ups im Jahr 2024 stellen jedoch eine Trendwende dar, die sich im Jahr 2025 mit dem bisherigen Rekordwert von 3.568 neuen Start-ups fortgesetzt hat3. NRW holt im bundesweiten Vergleich mit einer Steigerung von 33 % deutlich auf und ist damit zweitgrößte Start-up-Region Deutschlands. Sektoral sind Softwareentwickler die Hoffnungsträger der Start-up-Szene, gefolgt vom Medizin- und Food-Sektor. Der gemeinsame Nenner ist K.I.. Im Jahr 2025 stiegen die Gründungen in diesem Bereich auf 853 Start-ups. Bemerkenswert ist, dass 16,9% der Gründer*innen eine Einwanderungsgeschichte haben.4 

In die Start-up-Förderung kommt (längst überfällig) auch auf europäischer Ebene Bewegung. So beabsichtigt die Europäische Kommission noch im Jahr 2026 die Voraussetzungen für einen europaweit einheitlichen Rechtsrahmen zu schaffen, der es jungen, innovativen Unternehmen ermöglichen soll, in mehreren EU-Mitgliedsstaaten simultan Unternehmen mit einheitlicher Rechtsform gründen zu können.5 „Europäische Start-ups erhielten 2025 rund 62 Milliarden Euro Risikokapital – etwas mehr als im Vorjahr, aber weiterhin deutlich unter den Rekordjahren 2021 und 2022.“6 Neben einem investitionsfreundlichen regulatorischen Umfeld und umfangreicher finanzieller Unterstützung – Aspekte, die im Rahmen dieses Aufsatzes vertiefend aufgegriffen werden – ist die Herausbildung einer Gründerkultur für die Zukunftsfähigkeit einer Volkswirtschaft maßgeblich. Die Hochschule Niederrhein mit Standorten in Krefeld und Mönchengladbach nimmt sich diesem Gedanken durch entsprechende Beratungs- und Studienangebote an.

Regulierungsumfeld und Finanzierung

Insbesondere in der frühen Entwicklungsphase stehen junge Unternehmen vor erheblichen Herausforderungen wegen begrenzter Ressourcen, einem intensiven Wettbewerbsumfeld und hoher weiterer Risiken. Hierzu zählen besonders die oft fehlende Planungssicherheit hinsichtlich der Genehmigungsverfahren und rechtlicher Vorgaben, die häufig abschreckend und wachstumsbremsend aus Unternehmens- und Investorensicht wirkt. Komplexe und langwierige Genehmigungsverfahren sowie nicht eindeutige gesetzliche Rahmenbedingungen sind insbesondere bei Start-ups in innovationsgetriebenen und technologiebezogenen Branchen problematisch, da dort Geschwindigkeit ein wesentlicher Wettbewerbsfaktor ist. Verzögerungen in der Umsetzung des Geschäftsmodells können dazu führen, dass Geschäftsideen an Bedeutung verlieren oder von potenziellen Wettbewerbern früher an den Markt gebracht werden können. Daher sollte der Gesetzgeber und die Verwaltungen auch mit Hilfe von künstlicher Intelligenz eindeutige Vorgaben, schnelle digitale Verwaltungsprozesse und damit auch deutlich verkürzte Entscheidungsprozesse mit hoher Priorität und Geschwindigkeit implementieren, damit sich die Gründerszene auf das eigentliche Kerngeschäft fokussieren kann.

Auch ist die finanzielle Unterstützung ein weiterer kritischer Faktor. In der Praxis ist zu beobachten, dass die allermeisten Start-ups nicht über das notwendige Startkapital in Form von Eigenkapital verfügen. Typischerweise finanzieren sich Start-ups aus eigenen Ersparnissen und den berühmten „3Fs“ – Family, Friends and Fools. Staatliche Fördermittel, Bankdarlehen oder Fremdkapital durch Venture Capital und Business Angels kommt meist erst in einem späteren Stadium zum Einsatz. Ein Erfolgsfaktor ist die Nähe zur Hochschule, sei es durch die wissenschaftliche Begleitung bei Forschung und Entwicklung, oder die Möglichkeit einer Ausgründung aus der Universität. Start-ups müssen in der Seed-Phase sich nicht nur um ihre Idee bzw. das Produkt kümmern und den Markt dafür erschließen, sondern sie müssen gleichzeitig mit einem Business Plan Investoren davon überzeugen. Es braucht daher nicht nur Kreativität und Vertriebstalente im Gründungsteam, sondern auch Finanzexpertise. Im Gespräch mit Geldgebern entscheiden schlussendlich die (Erfolgs-)Zahlen. Um nicht bereits in der Startphase zu scheitern, sollten Gründer typische Fehler vermeiden. Laut einer Studie von cbinsights.com werden in 42 % der Fälle die Marktchancen falsch bewertet, in 29 % geht das Geld schon früh aus und in 23 % passt das Team nicht zusammen. Nur in 8 % der Ausfälle scheitert es an der Finanzierungszusage eines Investors. Die Bilanz ist insgesamt ernüchternd: Über 70 % aller Start-ups schaffen es nicht.

Die Rolle der Banken

Aufgrund des fehlenden Haftungskapitals sind Banken und Versicherungen typischerweise besonders in der Frühphase aus Risikogründen sehr zurückhaltend in der Zurverfügungstellung von Fremdkapital, so dass häufig sehr erfolgsversprechende und innovative Geschäftsideen aus Finanzierungsgründen nicht realisiert werden können. Gerade in technologieintensiven Bereichen, z.B. der künstlichen Intelligenz, der Elektromobilität oder auch der Weltraumforschung, sind die Amortisationszeiten durch hohe Anfangsinvestitionen sehr hoch. Das gilt auch in der stark wachsenden Defence-Branche, die aus Sicht einer Bank ein hohes finanzielles Risiko darstellt. Wichtige Komponenten zur Finanzierung dieser zukünftigen Schlüsseltechnologien sind neben öffentlichen Förderprogrammen staatliche Zuschüsse, privates Beteiligungskapital und die Schaffung von steuerlichen Anreizen für private und unternehmerische Investitionen in Start-ups. Durch die Verzahnung von öffentlicher Förderung und privatem Kapital entstehen erfolgreiche Start-up-Ökosysteme, bei denen die Gründer nicht nur finanziell, sondern auch durch die Expertise erfahrener Investoren profitieren. In dieser Konstellation können auch Banken mit ihren Dienstleistungen, Branchenkenntnissen, Finanzierungslösungen und Zugängen zu Investoren und dem Kapitalmarkt zur Seite stehen.

Die Förderbanken nehmen zunehmend eine wichtige Funktion ein: Sie unterstützen bei Eigenkapitalstärkung, Kreditoptimierung, Beratung und Risikoteilung. Auch das Land Nordrhein-Westfalen hilft mit den im Land verteilten DigiHubs und Gründerstipendien mit Rat (Mentoring) und Tat (Fördergeldern) in der Anfangsphase. Einen Schwerpunkt setzt das Land mit der Scale-up-Förderung, bei der junge Unternehmen in der Wachstumsphase im B-to-B- und B-to-C-Geschäft im wirtschaftsstärksten Bundesland begleitet werden. Nicht zuletzt die Start-Center-Förderung schafft die Verbindung in die Hochschulen.

Existenzgründungsberatung durch die Hochschule Niederrhein

Unter dem Lable „HNX – your way to startup“ betreibt die Hochschule Niederrhein aktive Gründungsberatung. „Ziel von HNX ist, eine praxisnahe Gründungskultur an der Hochschule Niederrhein zu etablieren. Die Potentiale für innovative Gründungsideen sollen voll ausgeschöpft werden und der Transfer von Forschungsergebnissen zu funktionierenden Geschäftsmodellen und marktreifen Produkten sowie Dienstleistungen ausgebaut werden. Darüber hinaus soll eine flächendeckend, curricular verankerte und möglichst interdisziplinäre Lehre von (Corporate) Entrepreneurship Bestand aller Studiengänge sein.“ 7 Herzstück ist das HNX StartUpLab, in dem Hochschulangehörige verschiedener Disziplinen, Gründungsinteressenten und Betreuer von Forschungsprojekten zwecks (vertraulichem) Gedankenaustausch zu den Themen Innovation, Gründung und Entrepreneurship zusammenkommen.

Mit Blick auf die Wissensvermittlung sind mögliche Finanzierungsformen für Existenzgründer und Start-ups Gegenstand einer Vielzahl von Veranstaltungen verschiedener Fachbereiche. Beispielhaft sei hier der Workshop „Existenzgründungsfinanzierung“ im Rahmen des Master- Studiums am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften erwähnt. Der Workshop wird federführend durch den Bankenverband NRW organisiert, der Experten aus der Finanzierungspraxis für den Workshop organisiert, die über Finanzierungstechniken, Erfahrungen erfolgreicher Gründer oder öffentliche Förderprogramme referieren. Angesprochen werden auch Fehler, die Gründer*innen in der Planungsphase und in den ersten Jahren nach Unternehmensgründung unterlaufen können.

Dabei wird auch gezeigt, dass erstes unternehmerisches Scheitern kein finales Lebensschicksal darstellt, sondern daraus folgende Lerneffekte zu einem erfolgreichen Restart von Unternehmer*innen führen können. Im Vordergrund steht aber das Aufzeigen von Chancen, um jungen Menschen den Start in die Existenzgründung oder Selbstständigkeit zu erleichtern. Um Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts weiter auszubauen, braucht es engagierte Entrepreneure.

Autoreninformation:

Prof. Dr. Bernd R. Müller ist Professor für Betriebliche Finanzwirtschaft an
der Hochschule Niederrhein, Mönchengladbach und Organisator des HNForums
Banking & Finance.

Dr. Andre Carls ist ehemaliger Bereichsvorstand der Commerzbank AG in
Frankfurt/Düsseldorf und heute Lehrbeauftragter an der Hochschule
Niederrhein, Mönchengladbach.

Steffen Pörner ist Geschäftsführer des Bankenverbands Nordrhein-
Westfalen in Düsseldorf und beschäftigt sich mit Bankenregulierung,
Unternehmensfinanzierung, Start-up-Förderung und Finanzbildung.

  • 1

    Vgl. https://www.kfw.de/Über-die KfW/Newsroom/Aktuelles/Pressemitteilungen-Details_888064.html

  • 2

    Vgl. Kuhlbrodt, Michael: Die Finanzierung von Start-ups aus Bankensicht. Lang 2003. S. 44ff.

  • 3

    Vgl. StartUp Verband. Next Generation – Neugründungen in Deutschland Januar – Dezember 2025.
    https://Startupverband.de/fileadmin/Startupverband/medienarchiv/research/Next_Generation_Report/

  • 4

    Vgl. Bundesverband deutsche Startups e.V. (Hrsg). Deutscher Startup Monitor 2024. S. 21.

  • 5

    Vgl. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/eu-kommission...

  • 6

    Florian Haas. https://www.ey.com/de-at/newsroom/2026/03/european-start-up-barometer-25.

  • 7

    Stefanie Kusch: Projektmanagement HNX-Team, Hochschule Niederrhein.